Auf dem ungarischen Brachland

Personal Infos
Name: 
Nagy
First Name: 
Bori
Category: 
review
Language: 
German
Mihály Kormos

Das Turiner Pferd – lautet der Titel des letzten Stückes eines hervorragenden Werks. Béla Tarr, der ungarische Regisseur, der Gründer der sog. "Schwarzen Serie" der Neunziger, kündigte 2009 an, seinen letzten Film als Regisseur drehen zu wollen. Die Weltpremiere dieses Films erfolgte im Wettbewerbsprogramm der Internationalen Filmfestspiele 2011 in Berlin und brachte ihm am Ende den Großen Preis der Jury ein.

Der Film von Béla Tarr vertritt eine Herangehensweise, die bereits in einigen Filmen, wie zum Beispiel in Rosenkranz & Güldenstern geschildert wurde: Die andere Seite einer schon bekannten Geschichte wird erzählt. Aber in diesem Fall spielen die Hauptrollen nicht die Nebenfiguren vom Hamlet, sondern das Pferd, das das Leben von Friedrich Nietzsche um 180 Grad verändert hat. Nietzsche, als er das Pferd bemerkt hat, das von seinem Herrn heftig geprügelt wurde, ist zusammengefallen und hat den Rest seines Lebens stumm, im geistigen Niedergang verbracht, so die Legende.

Tarr interessiert sich aber nicht für den Niedergang des Philosophen, sondern für das Pferd und seinen Herrn. So werden die Nebenfiguren zu den Haupthelden, so zieht die nietzschesche Philosophie den Mantel des ungarischen Brachlandes an. Das Prinzip der Dramaturgie ist bei dem Film Das Turiner Pferd eine höhere Entität, die die Monotonie des Alltags stört sowie für ewig verändert und die den Untergang vor sich stößt. Die Veränderung drängt sich unvermeidlich und rücksichtslos ins Leben der zwei Hauptfiguren, bringt die vollkommene Eintönigkeit mit sich und zwingt sie zum Standortwechsel. Aber – auch wie in Bunuel’s Der Würgeengel – es ist nicht möglich, den Raum der Handlung zu verlassen. Der Mann und die Frau kehren nach einem erfolgslosen Versuch in das ab diesem Punkt als einziger Hort geltende Haus zurück, um wie das letzte lebende Menschenpaar wortlos auf das Schicksal, auf den siebten Tag zu warten. Auf den siebten Tag, der in dieser umgekehrten Welt nicht mit Licht, sondern mit blendendem Dunkel im Bunde kommt.

Der Mann kommt mit dem Wagen. Das Pferd schwitzt, der Wind weht. Die Frau wartet auf sie zu Hause. Sie öffnet die Tür, schöpft Wasser aus dem Brunnen, schließt die Tür, hilft dem Mann sich auszuziehen, hilft dem Mann sich anzuziehen, gießt Schnaps in Gläser. Einmal. Zweimal. Dreimal. Der Zuschauer hat nur die Hoffnung, dass die Einstellung nicht darauf wartet, bis das Wasser unter den Kartoffeln zu kochen beginnt. Aber die Kamera hat die Zeit, sie wartet, während die zwei Darsteller aus dem Fenster die Außenwelt beobachten. Draußen, in der vom Wind gerissenen Landschaft ist nur das Nichts als die andere Möglichkeit vorhanden. Die Stille – sowohl der Welt als auch Béla Tarrs – hat das Leben genauso aufgefressen wie das Nichts das Land von Fantasia in Der unendlichen Geschichte – unaufhaltsam und wahllos.

Zuerst verstummt der Borkenkäfer, dann verweigert das Pferd das Essen. Danach kommt der Nachbar, um ein bisschen Schnaps zu trinken und berichtet über "sie", die alles kaputt gemacht und vernichtet haben. Das Pferd will nicht mehr trinken. Demnächst kommen Zigeuner mit Wagen, verwünschen den Mann und die Frau. Der Fluch erfüllt sich: Der Brunnen versiegt. Am fünften Tag wird das Haus von Dunkelheit überschattet und der Orkan mildert sich. So die Apokalypse laut Béla Tarr.

Das letzte Werk des Regiessurs ist ein origineller "tarrbelanischer" Film, der zum sich bereits herauskristallisierten Repertoire passt: Monochrome Farben, lange Einstellungen, wortkarge Gestalten und die drohende formlose Macht, die auf verschiedene Art und Weise mithilfe der Athmosphäre (beispielsweise mit den bedrohlichen Melodiefetzen von Mihály Víg) markiert wird, charakterisieren das Ergebnis. Allerdings fehlt alles von Dem Turiner Pferd, was früher den Regisseur weltberühmt machte. Die Monotonie, die Langsamkeit und die Gefühle des Drucks und der Aussichtslosigkeit haben mit der Zeit alle ihre Bedeutungen verloren, sie sind leer, genauso wie der Regisseur selbst. Der Sinn der "Schwarzen Serie" ist seit langem verloren.

Der Regisseur, der sein Werk damals mit fiktionalen Dokumentarfilmen begonnen hat, ist einer der wichtigsten Vertreter der "Schwarzen Serie". Tarr und die anderen von dieser Gruppe haben auf soziale Empfindlichkeit verzichtet und stattdessen sich zur Darstellung des universalen Daseins verpflichtet. Das Turiner Pferd ist gleichzeitig der Höhepunkt und das Ende dieser Bestrebung, die Tarr vor ungefähr 20 Jahren angefangen und 2011 bewusst erfüllt hat.